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Organisationsentwicklung
Viele Veränderungen scheitern nicht an der Idee, sondern daran, dass sie zu weit weg vom Alltag der Mitarbeitenden entwickelt werden. Gerade in der Führung im Change Management zeigt sich deshalb immer wieder: Wer Veränderung nur von oben anstößt, gewinnt noch keine echte Unterstützung im Unternehmen. In diesem Blogbeitrag lernen Sie, warum das mittlere Management in Veränderungsprozessen eine deutlich wichtigere Rolle spielt, als viele Organisationen bislang annehmen.

Christoph Gredel

In vielen Unternehmen folgt Change Management Führung noch immer einer vertrauten Logik: Die oberste Führung entscheidet, das mittlere Management setzt um und die Organisation soll sich anschließen. Genau diese Rollenverteilung hinterfragt eine Studie von Heyden und Kollegen, die zwischen Change-Initiierung und Change-Umsetzung unterscheidet und untersucht, welche Kombinationen tatsächlich die Unterstützung der Mitarbeitenden fördern. Für die Führung in Veränderungsprozessen ist das ein wichtiger Perspektivwechsel, weil nicht nur die Veränderung selbst zählt, sondern auch die Frage, wer welche Rolle im Prozess übernimmt.
Wenn über Top-Management und mittleres Management gesprochen wird, bleibt oft unklar, wer damit genau gemeint ist. Das liegt auch daran, dass Größe und Aufbau eines Unternehmens diese Rollen in der Praxis stark prägen. In einem engeren Verständnis umfasst das Top-Management meist die oberste Führungsebene rund um die C-Suite, während das mittlere Management zwischen dieser Ebene und der direkten operativen Führung angesiedelt ist.
Spannend wird es aber vor allem, wenn man nicht nur auf Hierarchie, sondern auf Funktion schaut. Mittlere Führungskräfte verfügen häufig über tiefes Prozesswissen, technische Nähe zum Geschäft und regelmäßigen Kontakt zu unterschiedlichen Gruppen im Unternehmen. Das Top-Management hat dagegen meist einen breiteren Blick auf strategische Prioritäten, externe Einflüsse und organisationale Zielkonflikte.
Typischerweise bringt das mittlere Management vor allem Folgendes mit:
Genau diese unterschiedlichen Stärken sind später für die Führung in Veränderungsprozessen entscheidend. Denn sie erklären, warum nicht automatisch dieselbe Führungsebene sowohl für die Initiierung als auch für die Umsetzung die beste Wirkung entfalten muss.

Ein zweiter wichtiger Punkt ist die Unterscheidung zwischen Change-Initiierung und Change-Umsetzung. Change-Initiierung bedeutet, ein Problem oder eine Chance zu erkennen, Lösungsoptionen zu prüfen und die Voraussetzungen für die spätere Umsetzung zu schaffen. Zur Umsetzung gehört dagegen der eigentliche Roll-out, also Planung, Kommunikation, Abstimmung, Nachsteuerung und die konkrete Begleitung im Alltag.
Gerade diese Unterscheidung ist für die Führung im Change Management zentral. Denn viele Unternehmen sprechen über Veränderung so, als wäre sie ein einheitlicher Vorgang. Die Studie macht jedoch deutlich, dass Initiierung und Umsetzung unterschiedliche Anforderungen mit sich bringen und deshalb nicht automatisch bei derselben Führungsebene am besten aufgehoben sein müssen.
Zur Change-Initiierung gehören zum Beispiel:
Wer diese beiden Phasen nicht sauber voneinander trennt, unterschätzt schnell die eigentliche Führungsaufgabe im Wandel. Genau deshalb hilft diese Unterscheidung, den späteren Studienbefund überhaupt erst richtig einzuordnen.
Nachdem klar ist, worin sich Change-Initiierung und Change-Umsetzung unterscheiden, lohnt sich der Blick auf die Studie selbst. Untersucht wurden 1.795 Antworten aus 468 Organisationen in Veränderungsprozessen. Die Forschenden verglichen dabei vier Rollenkonstellationen zwischen Top-Management und mittlerem Management, um zu verstehen, welche Kombination die Unterstützung der Mitarbeitenden besonders stärkt.
Bemerkenswert ist vor allem das Ergebnis: In fast 75 % der Fälle wurde Veränderung klassisch vom Top-Management initiiert, doch genau dieses verbreitete Muster hatte keinen positiven Einfluss auf die Unterstützung der Mitarbeitenden. Für die Führung im Change Management ist das so relevant, weil damit deutlich wird, dass formale Autorität allein noch keinen Rückhalt für Veränderung schafft.

Mittleres Management kann Veränderung wirksamer initiieren. Wenn man die Ergebnisse weiterdenkt, entsteht ein neuer Blick auf die Rolle des mittleren Managements. Die Studie zeigt nämlich nicht nur, dass klassische Top-down-Muster begrenzt wirken, sondern auch, dass Veränderungen deutlich mehr Unterstützung erhalten können, wenn sie aus der Mitte der Organisation angestoßen werden. Für die Führung im Change Management ist das ein zentraler Befund, weil er die bisherige Rollenlogik spürbar verschiebt.
Am stärksten fiel die Unterstützung der Mitarbeitenden in der Konstellation aus, in der mittlere Führungskräfte die Veränderung initiierten und das Top-Management die Umsetzung übernahm. Genau diese Kombination erzielte in der Studie die besten Werte, obwohl sie in der Praxis mit nur 4 % der Stichprobe eher selten vorkommt. Für die Führung in Veränderungsprozessen ist das ein starkes Signal, weil damit ausgerechnet nicht das klassische Top-down-Muster die größte Wirkung entfaltet, sondern eine umgekehrte Rollenverteilung.
Die Erklärung dafür liegt in den unterschiedlichen Stärken der beiden Führungsebenen. Wenn Veränderung aus dem mittleren Management angestoßen wird, wirkt sie oft näher an den realen Abläufen, plausibler für den Arbeitsalltag und damit für Mitarbeitende angemessener und machbarer. Für die Führung im Change Management bedeutet das: Nähe zum Arbeitsalltag ist kein Nebenaspekt, sondern ein echter Führungshebel. Wer Veränderung aus der Mitte der Organisation heraus initiiert, kann oft klarer zeigen, warum etwas angepasst werden muss und weshalb diese Veränderung mehr ist als nur ein weiteres Projekt.
Ein Beispiel dafür wäre die Reorganisation einer Organisationseinheit: Die mittlere Führung erkennt, dass Verantwortlichkeiten nicht mehr sauber greifen, Abstimmungen zu lange dauern oder Teams an Schnittstellen aneinander vorbeiarbeiten, und stößt die Veränderung deshalb an. Sie benennt den Anpassungsbedarf, entwickelt erste Ideen für eine neue Struktur und bringt die Perspektiven aus dem Arbeitsalltag ein. Das Top-Management übernimmt anschließend die Umsetzung, trifft die verbindlichen Entscheidungen, sichert Ressourcen, klärt bereichsübergreifende Auswirkungen und macht deutlich, dass die neue Struktur nicht nur ein Vorschlag aus der Mitte, sondern ein priorisiertes Vorhaben der Organisation ist. Genau darin zeigt sich die Rollenverteilung, die in der Studie die stärkste Unterstützung erzeugt: Die Initiative kommt von dort, wo die Probleme sichtbar werden, und die Umsetzung erhält Rückhalt und Reichweite von oben.

Gerade weil die Initiative aus dem mittleren Management ihre besondere Stärke entfalten kann, stellt sich im nächsten Schritt die Frage nach der Umsetzung. An diesem Punkt zeigt die Studie sehr klar, dass die obere Führungsebene keineswegs an Bedeutung verliert. Vielmehr entsteht die größte Wirkung dann, wenn operative Nähe aus der Mitte der Organisation mit strategischer Rückendeckung von oben zusammenkommt.
Die Ergebnisse sprechen also nicht gegen das Top-Management, sondern für eine bewusst andere Rollenverteilung. In der Umsetzung verleiht die obere Führung einer Veränderung Sichtbarkeit, Legitimation und organisatorisches Gewicht. Wenn eine Initiative von oben sichtbar getragen wird, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie im Unternehmen nicht als lokale Einzelmaßnahme, sondern als ernsthaft priorisiertes Vorhaben wahrgenommen wird.
Aus Sicht einer wirksamen Change Management Führung kommt es deshalb auf das Zusammenspiel beider Ebenen an. Das Top-Management kann Hindernisse aus dem Weg räumen, Ressourcen sichern und der Veränderung die notwendige Reichweite geben. So wird aus einer guten Idee aus der Mitte der Organisation ein Vorhaben, das nicht nur verstanden, sondern auch nachhaltig unterstützt werden kann.
Gerade das Zusammenspiel von Initiierung aus der Mitte und Umsetzung durch das Top-Management zeigt zwar die stärkste Wirkung. Die Studie macht aber zugleich deutlich, dass auch eine zweite Konstellation relevant ist: Mitarbeitende unterstützen Veränderungen ebenfalls überdurchschnittlich, wenn mittlere Führungskräfte den Wandel nicht nur anstoßen, sondern auch selbst in die Umsetzung führen. Damit erweitert sich der Blick auf Führung im Change Management, weil nicht nur die Ideal-Kombination zählt, sondern auch eine wirksame Alternative sichtbar wird.
Besonders interessant ist das für Veränderungen, die sehr nah am Tagesgeschäft liegen. Dort kann das mittlere Management seine Stärke direkt ausspielen, weil Probleme, Rückmeldungen und notwendige Anpassungen schneller zusammenlaufen.
Das ist vor allem dann ein Vorteil, wenn Veränderung:
In derselben Situation der Regorganisation einer Organisationseinheit würde das Szenario so aussehen: Auch hier erkennt die mittlere Führung, dass eine Organisationseinheit neu zugeschnitten werden muss, weil Abläufe nicht mehr passen oder Zuständigkeiten unklar geworden sind. Sie entwickelt aber nicht nur die Idee, sondern begleitet auch die Umsetzung selbst, ordnet Verantwortlichkeiten im Bereich neu, erklärt die Veränderung in den Teams, greift Rückmeldungen auf und passt Details im laufenden Betrieb an.
Gleichzeitig bleibt der Befund der Studie eindeutig. Die größte Unterstützung entsteht weiterhin dann, wenn das mittlere Management die Initiative übernimmt und das Top-Management die Umsetzung sichtbar trägt.

Wenn gute Veränderungsimpulse häufiger aus der Mitte der Organisation kommen, reicht es nicht, auf Zufall oder einzelne starke Persönlichkeiten zu setzen. Unternehmen müssen gezielt Strukturen schaffen, in denen diese Perspektiven früh sichtbar werden und in Entscheidungen einfließen. Genau darin liegt die praktische Konsequenz aus den Studienergebnissen für die Führung im Change Management: Nicht nur die Umsetzung, sondern schon der Start von Veränderung braucht eine bewusstere Rollenverteilung.

Ein erster Schritt besteht darin, die Erwartungen an den Beginn von Veränderung zu verändern. In vielen Unternehmen startet eine Initiative noch immer dort, wo formale Entscheidungsmacht sitzt. Die Studie legt jedoch nahe, dass Top-Führungskräfte bei der Initiierung systematisch die Einschätzungen des mittleren Managements einholen sollten, weil dort häufig ein differenzierteres Bild zu Problemen, Chancen und bereits laufenden Lösungsansätzen vorhanden ist.
Damit das nicht vage bleibt, braucht es einen festen internen Scan zu Beginn jeder Veränderung. Dabei sollte nicht nur gefragt werden, was die oberste Führung für relevant hält, sondern auch, wer im Unternehmen zu einem Thema bereits besonders viel weiß, was diese Personen beobachten und welche Ansätze vielleicht schon im Alltag erprobt werden. Sinnvoll ist außerdem, nicht nur einzelne Führungskräfte zu befragen, sondern bewusst auch deren Sicht auf die Wahrnehmung ihrer Teams einzubeziehen.
Hilfreiche Fragen in dieser frühen Phase sind zum Beispiel:
So entsteht von Beginn an ein vollständigeres Bild. Genau das erhöht die Chance, dass Veränderung nicht nur strategisch sinnvoll klingt, sondern auch im Arbeitsalltag als relevant und machbar wahrgenommen wird.

Selbst gute Beobachtungen aus der Mitte der Organisation entfalten nur dann Wirkung, wenn es klare Wege gibt, sie nach oben einzubringen. Deshalb empfiehlt sich, den Einfluss des mittleren Managements auf die Change-Initiierung nicht dem Zufall zu überlassen, sondern über feste Austausch- und Informationswege zu erleichtern. Gerade für Unternehmen mit mehreren Bereichen oder Führungsebenen ist das ein entscheidender Hebel.
Konkret heißt das: Es braucht regelmäßige Gespräche über strategische Themen zwischen den Ebenen, idealerweise nicht nur entlang der direkten Berichtslinien, sondern auch in bereichsübergreifenden Runden. Ebenso wichtig sind klare Kanäle, über die Ideen, Spannungen und Chancen gesammelt und weitergegeben werden können. Das kann über bestehende Gremien, über eine zentrale strategische Funktion oder über einen definierten Prozess geschehen, mit dem Gruppen von mittleren Führungskräften Themen gezielt zur Prüfung einbringen.
In der Praxis können Unternehmen dafür zum Beispiel:
Wichtig ist dabei vor allem Verlässlichkeit. Wenn mittlere Führungskräfte nur punktuell eingebunden werden, bleibt ihr Einfluss oft abhängig von Personen oder Zufällen. Erst durch klare Formate wird aus Einzelbeobachtungen ein wiederholbarer Beitrag zur Führung im Change Management.

Neue Rollenverteilungen im Wandel funktionieren nicht automatisch. Wenn Top-Führungskräfte stärker einbeziehen sollen und mittlere Führungskräfte mehr Einfluss auf die Initiierung von Veränderung nehmen sollen, verändert das eingespielte Erwartungen. Genau deshalb müssen alle Beteiligten auf diese weniger gewohnten Rollen vorbereitet werden.
Das beginnt mit einem gemeinsamen Verständnis dafür, warum unterschiedliche Perspektiven bessere Entscheidungen ermöglichen. Darüber hinaus brauchen Top-Führungskräfte Unterstützung dabei, stärker zu beteiligen und Dialog zu ermöglichen, statt Veränderung nur vorzugeben. Auf der anderen Seite muss das mittlere Management befähigt werden, Ideen zu formulieren, nach oben Einfluss zu nehmen und gleichzeitig nach unten Orientierung zu geben.
Sinnvolle Ansatzpunkte dafür sind:
Gerade weil diese Zusammenarbeit ungewohnt sein kann, empfiehlt sich ein schrittweises Vorgehen. Kleine, überschaubare Veränderungen eignen sich besonders gut, um neue Formen der Zusammenarbeit zwischen den Führungsebenen auszuprobieren, daraus zu lernen und den eigenen Ansatz weiterzuentwickeln.

Führung im Change Management wird oft dann besonders wirksam, wenn Impulse aus dem mittleren Management kommen und vom Top-Management sichtbar getragen werden. Unternehmen sind deshalb gut beraten, Rollen im Wandel bewusster zu gestalten und Change Management Führung nicht nur als Hierarchiefrage, sondern als Zusammenspiel unterschiedlicher Stärken zu verstehen. Gerade wenn Veränderung komplex wird oder im Alltag ins Stocken gerät, kann es sinnvoll sein, sich dafür externe Unterstützung zu holen – zum Beispiel durch eine umfassende Change Management Beratung.
Probieren Sie diesen Perspektivwechsel in Ihrem nächsten Veränderungsvorhaben bewusst aus. Sie werden sehen, wie viel tragfähiger Veränderung wird, wenn gute Ideen nicht nur beschlossen, sondern durch die richtige Führungsebene angestoßen und begleitet werden.
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Über den Autor
Christoph Gredel
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Gründer changeXperten | Beratung, Coaching & Training für die erfolgreiche Weiterentwicklung von Organisationen, Teams & Führungskräften: 📈 +65 % höhere Zielerreichung ⏱️+25 % schnellere Umsetzung 💸+220 % ROI